Mit «Connect everything» zur Organisation der Zukunft

von Florian Wieser | Oct 4, 2017
Connect everything / Organisation der Zukunft

Thierry Furrer, Chief Sales Officer Regional Media bei Tamedia, führte im Rahmen seiner Masterarbeit mit Florian ein Interview. Im Kern des Gesprächs standen die Fragen der digitalen Transformation und der agilen Organisation. Einige Ausschnitte des Gesprächs möchten wir mit euch teilen.


Thierry: Was bedeutet für dich Agilität?


Florian: Für mich ist die ultimative Definition «Connect Everything». Die totale Vernetzung von allem, was dir einfällt. Das Vernetzen von Themen,  Menschen, Abteilungen, Disziplinen, Technologie. Die Frage ist: wie schafft man ein Umfeld, in dem man sich untereinander gerne verbindet und auch verbunden bleibt? Für die Sache, für das Unternehmen - weil es einfach Sinn macht? Agil ist, wer sich Vernetzung vorstellen und auch mit den Folgen umgehen kann, die die Vernetzung mit sich bringt. Weil «nichts» wird nicht passieren.


Thierry: Welche Merkmale weist ein agiles Team für dich auf?


Florian: Der Kern eines jeden agilen Teams ist die gemeinsame Mission. Ein Referenzpunkt. Da wollen wir hin. Und das sollte dann nicht «mehr Umsatz» sein, denn für das stehen die Menschen morgens nicht auf, sondern die Mission sollte, im Rahmen der Unternehmensziele, Raum für persönlichen Ziele und Team-Ziele lassen. So kann man überhaupt erst von einer «gemeinsamen» Mission reden. Dadurch kann eine Gemeinschaft entstehen, die Community, die neue agile Organisation. Mark Granovetter hat es in seiner bahnbrechenden Arbeit «The Strength of weak ties» treffend in vier essentiellen Bereichen erfasst:

  1. Der Kern ist das Vertrauen. Wer Leistung von seinem Team will, der muss ihnen vollstens Vertrauen können und umgekehrt. “Ich mach das...” und dann kommt es immer zu spät ist nicht vertrauensbildend. Versprechen halten, sich für die Menschen und ihre Mission einsetzen und verbindlich sein hilft, Vertrauen aufzubauen.
  2. Zeit, die du mit Menschen verbringst und in sie “investierst” (schrecklicher Ausdruck in diesem Zusammenhang, aber oft auch treffend).
  3. Intensität, mit der du die Beziehung gestaltest. Die Intensität kann die Nachtschicht sein, aber sie kann auch der intensive Einsatz für eine Sache oder Projekt sein.
  4. Gegenseitigkeit im Team macht klar, wer was will oder wünscht und somit nimmt (take) und was er dafür bereit ist zu geben (give). Die Balance zwischen Give and Take ist enorm wichtig.


Thierry: Was braucht es im Rahmen eines Change Prozesses zur agilen Organisation?


Florian: Es braucht Orientierung. Meist helfen hier Change Agents, ja, am besten von extern, weil sie unbefangener sein können und die ganze politische Lage im Unternehmen nicht mitspielen müssen. Der Aspekt des Coachings und Enablings der Schlüssel-Personen für den Change ist essentiell für diese Rolle. Dann braucht es unbedingt einen Projektleiter. Die Person, die verantwortlich macht und kontrolliert, ob die notwendigen Schritte von den Change Leadern auch abgearbeitet werden. Sie ist zuständig für Deadlines und Tasks, aber auch, um den ganzen Prozess zu treiben und Anlaufstelle zu sein. Und es braucht ein sogenanntes Transition Team. Eine Gruppe von Mitarbeiter*innen, die sich bereiterklären, als Vermittler*innen zu agieren. In Communities würde man von Superusern oder Influencern reden.


Wenn man Akzeptanz der bevorstehenden Veränderungen und Neuerungen will, dann braucht man einen gemeinsamen Weg, den alle zusammen gestalten. Jedes Mitglied in der Organisation soll sich im Prozess verorten können, damit der Wandel am Schluss akzeptiert wird. Je weniger die Personen im Prozess involviert sind, umso schwieriger wird es ihnen fallen, das Neue zu akzeptieren, denn sie können gar nicht nachvollziehen, was passiert. Das ist das Problem der «Big Four» den grossen Unternehmensberatungen dieser Welt. Sie kommen, setzen um und stellen die Beteiligten vor vollendete Tatsachen. Meistens machen die Änderungen von Ihnen wahrscheinlich auch Sinn, doch die Menschen waren nicht dabei und akzeptieren deshalb nicht, nein, sie lehnen ab - der Schaden durch den Widerstand wird teuer!


Thierry: Klingt nach Basisdemokratie-Romantik? Wie würdest du es anders machen? Wie kann man die Menschen in den Prozess integrieren?


Florian: In Workshopreihen wird an Themen gearbeitet, wo Mitarbeiter*innen einen essentiellen Beitrag leisten können und sich so mit der Veränderung und Neuerung aktiv auseinandersetzen. Es geht um Verantwortungen, Rollen und Prozesse. Und natürlich um Schnittstellen, also was alles ist vernetzbar. Gemeinsam formuliert man den «Golden Circle» von Sion Sinek: WHY-HOW-WHAT. Warum stehen wir am morgen auf? Wie kommen wir an das Ziel? Was tun wir dafür? Und als Leader*in muss ich mich um das Umfeld, Freiräume und Kommunikation kümmern.
Die «Betroffenen» haben ein Anrecht darauf zu erfahren, was in den wichtigen Meetings besprochen wird. Wenn das nicht kommuniziert wird,  driften die Change-Verantwortlichen und die Menschen, die nachher das alles leben sollen total auseinander. Die Kommunikation ist enorm wichtig: Mach Newsletters, mach ein Anschlagbrett, veranstalte Events wie Breakfasts, Lunches oder das berühmte Friday-Bier und nutze während dem Prozess ein Chat-Tool – aus aus den Mails!

Wir nutzen zum Beispiel Slack, ein Chat-Tool, das wir häufig auch WhatsApp für Business nennen. Bei Slack wird in Kanälen kommuniziert und anders als bei Whatsapp ist der Ansatz kollaborativ.  Es sendet also nicht dauernd einer an alle, sondern zwei Personen können auch transparent im Kanal diskutieren. Zudem sind jederzeit, schnell und auf alles Feedbacks möglich – mit Emojis oder Giphys, die ohne viel Umschweife  ein «like» oder «don’t like» oder «Danke» kommunizierbar machen. Wir erleben grossartige Dynamiken, die wir von Communities kennen. Daher verstehen wir Organisationsentwicklung auch als Community-Auftrag.


Thierry: Gibt es Hindernisse, wenn man nur Teilbereiche eines “starren Riesen” agil machen will?


Florian: Wenn du aus diesem «Connect Everything» agierst, machst du dich nicht zur Insel. Das ist ja das Faszinierende. Du willst connecten und hörst nicht auf zu Fragen: «Machst du mit?» Hier die Einladung. Komm doch! Auch wenn zehnmal ein Nein kommt spielt das keine Rolle. Irgendwann kommt der Erfolg, weil wenn der eine Mensch nicht will, wird ein anderer im Team die Sinnhaftigkeit erkennen und sich vernetzen. Geschehene Vernetzung zu unterbinden ist ein brutaler, aktiv zerstörerischer Akt. Viel Spass!


Wenn Leute zusammenkommen wird es oft besser. Zusammenkommen, nicht im Sinne von sinnlosen Meetings, sondern im Sinn von gemeinsame Ziele verfolgen und Prozesse gestalten und über Verantwortungen und darangehängte Rollen reden..


Auch bei einer hierarchischen Organisation muss das nicht zu Konfliktpotential führen. Top-down Unterstützung und Empowerment ist ja das beste, weil du weisst, du darfst. Wenn Menschen erst einmal erlebt haben, wie eine agile Organisation funktioniert, wollen sie nie mehr zurück. Wenn Sie merken, dass «Connect everything» ihren Alltag erleichtert, wird es leichter.  Da kommt dann total Bottom-up zum Zug. Ich sage dann immer: Wenn du wirklich «Connect Everything» machst, hast du eigentlich unten einen elastischen Organismus. Da kann von oben Druck kommen und der Organismus federt das ab. Das ist die Organisation der Zukunft: Elastisch, vernetzend, mit klarer Mission und den vier Erfolgsfaktoren für eine gute Beziehung folgend. Man kann es auch agil nennen.


Thierry: The Relevent beschäftigt sich auch mit der Generationenthematik, vor allem mit der Generation Y. Wie siehst du das connecten von unterschiedlichen Generationen?


Florian: Alle sprechen zur Zeit von der Generation Y, auch Millennials genannt. Wenn man connecten will, bringt es überhaupt nichts, wenn man den ganzen Tag mit dem Finger auf die einzelnen Generationen zeigt und ihnen Klischees vorhält. Mir passiert das auch, weil ich mich über Blocker grundsätzlich ärgere. Und da treffe ich selten auf Millennials, die blockieren. Daher vesuchen wir zu lockern wo es Sinn macht. Überzeugen tun wir nicht. Millennials, Xennials, Generation X, Baby Boomer und Nachkriegs-Generation – sie alle sind aktuell im Markt – und alle Generationen sind unglaublich speziell auf ihre Art und Weise. Aber die Zukunft sind die jungen Generationen. Diese nun so vorzuführen finde ich kontraproduktiv und wenig connecting.



Mutig wäre, dass wir ein bis zwei Generationen auslassen und die junge Generation ranlassen. Aber so richtig! Und das noch beflügeln und fördern. Als Xennial reicht mir, wenn ich etwas ermöglicht habe. Ich muss mich nicht als grosser Unternehmer verewigen. Ich vertraue auf die nächste Generation – sie müssen sich bei mir auch nicht beweisen, sondern sie sollen sich melden, wenn sie etwas brauchen, wenn sie der Meinung sind, dass ich etwas beitragen kann. Diese alte Generation Monologe sind nur zeit- und energieraubend. Setzen wir doch lieber die junge Energie frei!

 
 

 
 

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