Slackdiary: Beratung, Coaching oder Mentoring?

von Florian Wieser | Feb 24, 2018
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Beratung, Coaching und Mentoring. Was sind die Unterschiede? Wann macht was Sinn? Kann ein Berater zum Coach und Mentor werden und umgekehrt? Braucht es eine Abgrenzung?

Wie kommt man als Unternehmer oder Manager zum Punkt, wo man Inputs annehmen kann und das Ego nicht mehr ruft: Das kann ich alles selber? Wann ist der Moment des Austauschs? Muss es immer die Dringlichkeit sein, wo es fast schon zu spät ist? Oder gibt es einen optimalen Moment?


Was ist #Slackdiary? 

Dies ist ein Format, welches mit einer Impulsfrage eines Team Mitglieds startet aus Alltag, Begegnungen, Netzfundstücken oder Gelesenem. Eingeworfen in den dafür vorgesehenen Slack-Channel antworten andere Future Organisation Team Mitglieder mit ihrer Sichtweise, Expertise, Meinung oder Haltung auf das Thema.


 

Diesmal:

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patrikPatrik, Future Organisation Experte (Agility)

 

Erste Begriffsklärung

Beratung ist für mich ein Überbegriff. Edgar Schein hat hier die folgenden drei Kategorien gebildet, die für mich Sinn machen

  • Expertenberatung
  • Arzt- und Patientenberatung
  • Prozessberatung

Coaching ist ebenfalls ein Begriff, der in vielen unterschiedlichen Facetten verwendet wird. Während Systemisches Coaching den Charakter einer Prozessberatung hat, kann in anderen Kontexten ein Coaching durchaus auch direktive Züge haben (z.B. im Sport).

Beim Wort Mentoring sehe ich vor mir eine Mischung zwischen Experten- und Prozessberatung, die in diesem speziellen Fall aber noch gekoppelt ist an ein „Erfahrungs- oder Machtgefälle”, an ein „Lehrer-Schüler-Verhältnis”.

 

77750-200Ich finde das Konzept der Komplementärberatung schön: Prozessberatung tun und die Expertenberatung nicht lassen.

 

 

Abgrenzung

Als Berater ist man aus meiner Sicht gut beraten, sich jeweils des Kundenauftrags und der aktuellen Rolle bewusst zu machen: Was genau ist der Auftrag, den mir der Kunde erteilt hat? Bin ich jetzt eher im Modus eines Prozessberaters, der mit Hilfe von Fragestellungen neue Perspektiven anregen kann (bei Gunther Schmidt ist dies ein „Realitätenkellner”) oder gebe ich spezifische Ratschläge (=Experte)?

Ich finde hier - falls es zum Auftrag passt - das Konzept der Komplementärberatung schön (=Prozessberatung tun und die Expertenberatung nicht lassen). Wichtig ist für mich einfach immer zu wissen, wo ich mich gerade bewege.

 

Zeitpunkt

Krisen und herausfordernde Situationen sind wohl wichtige Treiber, die Menschen dazu bringen können, neue Wege zu gehen und Türen zu neuen Entwicklungen, neuem Wachstum aufzustossen. Solange keine Dringlichkeit besteht, kann es gut sein, dass „Wachstumsbremsen” wie z.B. Anhaftung, Feigheit oder Trägheit Überhand haben (und das muss nicht unbedingt schlecht sein, denn Entwicklungsschritte sind in der Regel sehr intensive Prozesse, und nicht immer ist es der richtige Zeitpunkt, sich da hineinzugeben).

Wenn aber eine aktuelle Situation mit dem eingeübten Verhalten (Theorie U: „Downloading”) nicht mehr bewältigt werden kann, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen nach Antworten suchen, auch ausserhalb des angestammten Terrains. Und an diesem Punkt steigt dann auch die Bereitschaft, sich zu öffnen für all die Dinge, die bisher vielleicht ignoriert wurden. Es geht „runter im U” („Open Mind” / „Open Heart” / „Open Will”). Und wenn dieses „Suspending” stattfindet: das ist dann aus meiner Sicht der optimale Zeitpunkt - sehr individuell, wie die Unternehmer und Manager auch.

 

Mehr zur Theory U

Daneben gibt es aber natürlich auch Menschen / Unternehmer / Manager, die „aus sich heraus” eine grosse Neugier und auch Offenheit für Fragen des Lebens an den Tag legen und bei denen sich Bewusstsein, Austausch und Dialog dann ganz natürlich immer weiter und weiter entwickeln.

Im Zusammenhang mit dem „richtigen Zeitpunkt” gefällt mir das Zitat von Otto Scharmer gut „Form follows consciousness”: Wenn das Bewusstsein für eine Problemstellung gegeben ist, dann wird sich eine entsprechende Lösung ergeben.

77750-200
Form follows consciousness - Otto Scharmer

 

 
 
florianFlorian, Future Organisation Experte (Digital Culture)

 

Danke Patrik für die erste Auslegeordnung und das Reisen in wahrscheinlich für einige noch Unbekanntes, wie Theory-U.

Ich kann mal sagen was ich gerne leisten würde, mal abgesehen vom Naming. Ich mag das Bild vom Schulterschluss. Einem Vertrauensverhältnis in dem der/die Externe dem /der Internen den Rücken stärkt durch Spiegeln, Schärfen, Orientierung bieten und zielführende Argumentationen erarbeiten. Nur wie kommt man zu so einem Vertrauensverhältnis?

Ich kann die 4 Merkmale des Soziologen Mark Granovetter einer guten Beziehung in die Schale werfen, die wir auch im Community Building (virtuelle Gemeinschaften) berücksichtigen:

  • Zeit
  • Intensität
  • Vertrauen
  • Gegenseitigkeit.

Nur, wenn ich ja so ein Verhältnis anstrebe und auf die Suche gehe, fehlt mir ja alles - ich habe im besten Fall einen Weak Tie (eine schwache Verbindung).

Der Aufgabenbereich vermischt sich gemäss den obigen Definitionen für mich völlig. Ist denn hier eine Trennung so klar nötig? Warum eine Trennung? Die Work Life Balance hat uns auch eher krank als gesund gemacht, nie zur Zufriedenheit eines der beiden zu gelangen. Ist professionell erst, wenn man sich schubladisiert hat? Ich bleib da bekanntlich ja gerne agil und nicht greifbar und widme mich der Sache und den zu erreichenden Zielen, nahe an dem Menschen, der dies zu erreichen hat. Die Frage ist für mich also eher was kann ich leisten? Und wie "nahe" darf ich?

 

rapahelRaphael, Future Organisation Experte (Strategy)

 

Begriffsverständnis ist diffus

Hochinteressant was da zusammenkommt! Ein weitere Sichtweise – diejenige unserer Kunden, den Unternehmern und Geschäftsführern von Unternehmen und Organisationen:

Sie verwenden die Begriffe Beratung, Coaching und Mentoring im täglichen Sprachgebrauch weitgehend undifferenziert. Viele wüssten die Begriffe klar zu unterscheiden, sie wollen es aber schlicht nicht tun. Es liegt ihnen denn auch nichts daran. Das Phänomen lässt sich auch bei anderen Begrifflichkeiten beobachten wie zum Beispiel:

  • Es wird von Vision gesprochen und gemeint wird aber klar die Strategie – und dasselbe umgekehrt.
  • Es wird von Marketing gesprochen, gemeint wird aber ausschliesslich Marketingkommunikation.

77750-200Wann ist die Beratung für den Kunden eine gute Beratung?
Was soll am Ende erreicht sein?

 

 
patrikPatrik, Future Organisation Experte (Agility)

 

Auftragsklärung hilft bei der Evaluation, was es braucht

Auch ich sehe, dass die Begriffe Beratung, Coaching und Mentoring in der Praxis unterschiedlich verwendet werden. Ich meine, dass diese - aus unserer spezifischen Perspektive wahrgenommene - Undifferenziertheit aber vielleicht gar nicht so relevant ist.

Sehr relevant dagegen ist aus meiner Sicht, dass bei Beratungsaufträgen zu Beginn mit dem Kunden eine Auftragsklärung durchgeführt wird:

  • Wann ist die Beratung für den Kunden eine gute Beratung? Was soll am Ende erreicht sein?
  • Was versteht er unter „Beratung”?
  • Welche Erfahrungen hat er ggf. bereits mit Beratung gemacht?

Solche Fragen erlauben es, den Auftrag zu klären, jenseits von Begrifflichkeiten wie Coaching / Beratung, etc. mit all ihren Fallgruben.

Zudem hat es sich bei mir bewährt nachzufragen: „was verstehst du genau unter: …“. Dies trägt dazu bei, den Kunden besser verstehen zu können und regt als Intervention vielleicht schon erste Such- und Findungsprozesse bei diesem aus.

 

sonjaSonja, Future Organisation Expertin (Human Resources)

 

Ausbildung und Erwartungshaltung

Hier noch eine Anmerkung zur Abgrenzung von Rollen. Ich glaube, dass es wichtig ist, dass wir Definitionen haben für die einzelnen Rollen, wie Berater, Coach oder Mentor. Das gibt uns die Möglichkeit eine bestimmte Ausbildung zu absolvieren und den Kund*innen eine ungefähre Erwartungshaltung einzunehmen.

ABER: im Alltag kommt es oftmals anders als man denkt. Beide gehen mit einer bestimmten Einstellung im Kopf ins Gespräch und welch Überraschung, diese Bilder im Kopf sind oftmals nicht die gleichen! Daher ganz wichtig, wie schon Patrik erwähnt hat, einmal mit den Fragen an den Kunden anfangen und schauen, was er/sie denn wirklich will und ob ich überhaupt die richtige für seine/ihre Fragestellung bin!

 

florianFlorian, Future Organisation Experte (Digital Culture)

 

Für die Rolle des "Future Beraters, Coach oder Mentors” stellt sich die Frage nach der Ausbildung umso deutlicher. Wo kann ich denn Zukunftgestaltung lernen? Gibt es diese Ausbildung überhaupt? So wie es jetzt läuft muss man sich entscheiden, welche Richtung man einschlagen möchte, nicht? Und wie werde ich Mentor? Die vielen selbsternannten. Da gehöre selbst ich dazu, wenn ich meine unternehmerische Erfahrung teile. Ich probiere viel aus, prüfe auf Übertragbarkeit, um dann mitteilen zu können, was bei mir funktioniert und was nicht. Meanwhile fragt sich ein Mensch auf Firmenseite vielleicht, was er nun braucht: Berater*in, Coach oder Mentor*in? Fragt er/sie sich das überhaupt? Im Gesundheits-/Ernährungsbereich ist das klarer mit Coach.

 

patrikPatrik, Future Organisation Experte (Agility)

 beratungstypen-iap

 Quelle: Institut für angewandte Psychologie (IAP)

 

sonjaSonja, Future Organisation Expertin (Human Resources)

 

Coaching vertieft und mit Mentoring verglichen

ich habe zwei gute Artikel zum Thema Coaching gefunden und hier einen kleinen Auszug von Herrn Professor Dr. Pelz zum Systemischen Coaching, indem er sehr kritisch seine Meinung äußert!

sonja-textzitat-coaching

Quelle: Wirksamkeit und Effektivität von Coaching von Prof. Dr. Waldemar Pelz

wirksamkeit-coaching

Weiterführendes PDF von Prof. Dr. Waldemar Pelz vom Institut für Management-Innovation:
Systemisches Coaching - Eine kritische Analyse 
systemsiches-coaching-kritische-analyse
 

Bei dieser Übersicht wird Coaching & Mentoring gegenüber gestellt. Dabei wird Mentoring oftmals eher "intern" verwendet, dh. innerhalb einer Organisation.

 

 

 

florianFlorian, Future Organisation Experte (Digital Culture)

 

Oha! Diese interne Sicht auf den Mentor hatte ich nicht auf dem Radar. Ich fand Mentoring immer passender, weil es für mich mehr enabling beinhaltet als drill. Und Coaching immer nach Ansage und Anleitung klang. Aber so macht Mentoring für mich keinen Sinn noch Lust darauf. Vor allem das Beziehungsgefälle widerstrebt mir völlig.

 

77750-200

Es ist wie so oft: Ich muss meinen eigenen Begriff finden und diesen beleben.

 

Ich bin diplomierter Designer und seit 20 Jahren Unternehmer. Ich hab immer gestaltet, vorallem  den Umgang mit Digital, damit verbundene Kultur, Storytelling und dadurch ausgelöste Transformation in Organisationen. Und das immer mit dem Blick in die Zukunft - neu und nicht mit Blick auf das Morgen bitzli anders. Also bin ich Zukunftsgestalter, der berät, coached und mentoriert. Geführt von meinem Gegenüber, der Situation, meiner Neugier und Erfahrung.

 

patrikPatrik, Future Organisation Experte (Agility)

 

Vielen Dank Sonja, für diese Denkanstösse.

Spannend, diese Artikel von Hr. Pelz zum Thema Systemisches Coaching. Spannend vor allem deshalb, weil ich beim Lesen an meiner Stimmung gemerkt habe, wie wenig ich seiner kritischen Analyse zustimmen kann. Mit der von ihm so beschworenen Willenskraft habe ich es dann doch geschafft, beim letzten Satz anzugelangen. Doch was weiss ich jetzt mehr?

Was will er uns sagen?

  • Dass Systemische Beratung den Denk-Sumpf im Management begünstigt?
  • Dass systemische Betrachtungen gar nicht notwendig sind, und all das bereits in mechanistischen Managementmodellen enthalten ist?
  • Dass Coaching vor allem darum suspekt und nicht legitim ist, weil der Erfolg des Coachings “nur” durch die im System beteiligten Menschen selber beurteilt werden kann?

Woher mag bei Hr. Pelz die Energie kommen für eine solche Abrechnung mit dem wunderbaren Konzept der Systemischen Beratung?

Es ist wohl wahr, dass es im Bereich der Systemischen Beratung auch Scharlatanerie gibt. Aber würde es denn nicht gerade zu einer wissenschaftlichen Arbeitsweise gehören, dass eine entsprechende differenzierte Auseinandersetzung mit dieser Thematik stattfinden würde? Zu behaupten dass es sich bei „Publikationen zum Systemischen Coaching und zur Systemischen Beratung im Wesentlichen um Werbebroschüren der Coaching-Industrie handelt”, ist völlig unzulässig und sagt wohl mehr über den Autor aus als über die von ihm gescholtene Coaching Industrie.

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Systemisch heißt für mich, dass ich in meiner Arbeit auf die Beziehungen zwischen Dingen und Menschen achte und, basierend darauf, mit dem Kunden zusammen zu ergründen versuche, wie eine bestimmte Situation verbessert werden kann (wie könnte es denn sein?). Wie Steve de Shazer treffend formulierte: „ich kann verstehen, was besser heißt, ohne zu wissen, was gut ist”.

 

Und diese Art der Arbeit, diese achtsame Weise in Verbindung zu treten mit Menschen und Organisationen kann in der Beratung sehr wohl einen Unterschied machen und einen relevanten Beitrag leisten bei der Hilfe zur Selbsthilfe.

 

77750-200

Und bei alldem gilt: Systemisch ist nicht systemisch. Aber systemischer ist systemischer - Matthias Varga

 


 

Was sagst du als Vertreter*in von _____________________ .

Es wäre wunderbar noch weitere Perspektiven zu hören von Berater*innen, Coaches und Mentor*innen, aber vorallem von Unternehmer*innen und Managern mehr über den Moment wo's Sinn macht sich beraten, coachen oder mentorieren zu lassen. Um zu erfahren, welche Art für sie am besten passt.

 

florian"Bitte hinterlasse ungeniert unten im Formular einen Kommentar für die Schärfung der Aussagen und damit wir veschiedene Perspektiven aufzeigen können."

 
 

 
 

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